Wie man einen Tag rettet
(und vielleicht noch mehr)
„Ach das! Entschuldigen Sie, das hatte ich vorhin vergessen zu sagen. Sie müssen einfach ein paar Mal scharf bremsen. Es ist nur Flugrost.“ Was ich stattdessen verstehe, ist: „Blutrost“. Das passt ganz gut, denn langsam sehe ich rot. Auch bei unserer zweiten Runde mit dem Kona ist jede Reifenumdrehung von einem lauten Knirschen begleitet. Wir sind früh aufgestanden, eine Stunde in die Prärie gefahren, sahen uns schon den Kaufvertrag für unseren Zweitwagen unterschreiben – und jetzt das.
Als wir am Autohaus ankamen, hatten wir damit gerechnet, dass man uns erwarten würde. Dass man uns stolz die Vorzüge unseres neuen Autos erklärt und dann zu einer Probefahrt einlädt. Doch der einzige Verkäufer im Raum war beschäftigt. Die Assistentin drückte uns einen Schlüssel in die Hand und beschrieb uns den Weg. Dort, auf dem kleinen Hügel, fanden wir ihn. Der schwarze Lack mit einer Staubschicht überzogen. Innen voller Krümel.
Das Problem ist nicht das Auto. Nicht die Unprofessionalität dieses Autohauses, in dem wir noch nicht einmal einen Kaffee trinken wollen, weil die Maschine so unappetitlich aussieht. Eher ist es die Enttäuschung. Und ganz bestimmt ist es die Tatsache, dass wir eigentlich gar keine Zeit haben für so einen Ausflug ins Grüne. Alles muss immer reibungslos funktionieren. Die To-dos türmen sich wie der Wocheneinkauf an der Supermarktkasse. Gerade verstaut man noch die Fischstäbchen, da muss man aus dem Augenwinkel zusehen, wie die Milchflaschen auf die Tomaten und die Eierkartons zurollen. Bis alles zusammenbricht.
Auf dem Rückweg nehmen wir kurzentschlossen die Ausfahrt mit dem Schild „Skywalk“, schlängeln uns bergauf und parken vor dem Ort, der sich mit Schranken vor unerwünschtem Besuch schützt. Noch spektakulärer als der Blick über das Nahetal ist der Blick nach unten, durch den Gitterrost in die Tiefe. Doch im Kopf und mit dem Handy plane ich schon den nächsten Programmpunkt. Ich will diesen Tag retten, denn ich mag den Gedanken nicht, dass wir uns den ganzen Ausflug hätten sparen können. Erst später frage ich mich: Was wäre eigentlich so schlimm an einem Tag, an dem ich nichts erledigt, nichts erreicht und auch nichts Besonderes erlebt hätte?
Wir warten schon eine Weile, als uns ein Mann die Tür aufschließt, der nicht mit Gästen zu rechnen scheint. Das Restaurant heißt „Zur Traube“. Es ist dunkel und so altbacken eingerichtet, wie man es von Dorfgaststätten kennt. Auf den schweren Holztischen bunte, japanische Tischläufer, weiße Stoffservietten in blütenverzierten Ringen, Messingbänkchen für das Besteck. Das, was man uns hier serviert, ist so gut, dass wir es kaum fassen können. Noch nie habe ich ein Zitronenrisotto probiert, schon gar nicht mit cremigem Rührei und Rotweinsoße – ein Erlebnis. Wir sind in einem fernen Land. Ein bisschen Deutschland, etwas Frankreich, eine große Prise Japan.
Doch zum Dessert füllt sich der Raum mit einem strengen Schweißgeruch – mitgebracht von einem älteren Herrn, der offenbar mit der Familie auf Wandertour ist. Und dann der Satz, bei dem ich kurz nicht weiß, ob ich richtig gehört habe: „Wenn so viel Kohlendioxid eingespart wird, bis es keines mehr gibt, können die Bäume nicht mehr leben!“ Vor meinem inneren Auge lehnt sich die Tochter (oder ist sie die Enkelin?) gegen diesen Unfug auf, und es wird richtig laut am Tisch. Doch in Wirklichkeit widerspricht niemand. Das Gespräch plätschert weiter, als sei nichts gewesen.
Wir sehen zu, dass wir nach Hause kommen. Die ganze Fahrt lang denke ich über diese Szene nach. Heißt es nicht immer, es sei ein großes Problem unserer Zeit, dass keiner mehr dem anderen zuhören, alle direkt aufeinander losgehen würden? Für Social Media mag das ja stimmen. Aber im direkten Kontakt, dort, wo sich wirklich etwas ausrichten ließe? Da sind wir schon sehr auf Harmonie bedacht. Manchmal vielleicht zu sehr.