Kein Wort für das, was ich will

Es kommt gar nicht darauf an, schnell zu sein. Viel wichtiger ist, sich ganz auf jeden einzelnen Schritt zu konzentrieren. Sich nicht beirren zu lassen, von dem ganzen Gewackel, und auch nicht davon, dass der Strand schon so nah ist. Erst den Oberkörper hochstemmen, dann den rechten Fuß etwas ranziehen und aufstellen. Schließlich den linken Fuß nach vorne bekommen. „Jetzt mach!“, sage ich zu mir selbst, sogar ziemlich laut – es geht im Rauschen von Wind und Wellen unter. Dann stehe ich. Und gleite für ein paar Augenblicke über das Wasser.

Wie viel leichter heute alles ist! Sogar der Sport, den ich damals so gnadenlos unterschätzt hatte, als ich mich mit dreißig Jahren in ein Flugzeug nach Bali setzte. Ich wollte endlich machen, was ich will, und ich dachte, das sei surfen. Schon an Tag zwei schmerzte alles und meine Knie waren blutig. Noch ein paar Tage und ich war am Tiefpunkt angelangt. Meine erste grüne Welle hatte mich im Schleudergang nach unten gerissen. Ich wusste nicht mehr, wo es an die Oberfläche geht, das Salzwasser drückte sich in meine Nase, das Brett schlug gegen meinen Kopf und ich dachte daran, dass ich nie gelernt habe zu tauchen.

Ich weiß nicht mehr, wie ich an Land kam. Doch ich erinnere mich sehr genau, wie ich weinend dasaß, aufs Meer starrte und ertragen musste, wie mein Surflehrer – ein Junge von vielleicht 15 Jahren – mein Schluchzen mit einem Lachen kommentierte: „Betty crying! Haha. Betty crying!“ Er war genauso überfordert wie ich.

Surfen lernte ich auf Bali nicht. Aber ich lernte, dass es sich mit mir allein ganz gut aushalten lässt. Dass ich meine allerbeste Reisebegleitung bin. Wie könnte ich mich jemals einsam fühlen, wenn ich mich selbst habe? Ich machte eine kleine Rundreise über die Insel, entdeckte beim Schnorcheln einen frisbeegroßen blauen Seestern, trank Bali Coffee, während sich die ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach des Dschungels schoben, besuchte einen einsamen Tempel, für den ich bis zum Oberkörper durch einen Fluss watete. Auch wenn es kein Wort dafür gibt, was ich will, wurde es mir Tag für Tag klarer. Ich fand mich selbst. Und als ich wieder zurückkam, fand ich Benni.

Das mit dem Surfen hätte ich für immer ad acta legen können. Trotzdem suchte ich nach einem Kurs, als wir uns für den Urlaub auf Fuerteventura entschieden hatten. Erst versuchte ich, meine Familie dafür zu begeistern. Dann versuchte ich, sie wieder davon abzubringen. Ich schilderte meine Erfahrungen, bis mir selbst die Angst in den Knochen steckte. Zu spät: Sie waren nicht mehr umzustimmen. Wozu hatte ich uns da bloß überredet?

Alle Anspannung fällt von mir ab, als ich sehe, wie viel Spaß meine Kinder im Wasser haben. Wie mutig sie sich in die Wellen werfen und wie leicht es ihnen fällt, auf die Füße zu kommen! Manchmal schaffe ich es selbst in den Stand, und alle johlen anerkennend. Manchmal bleibe ich einfach liegen oder gehe nur auf die Knie und freue mich über das Gefühl, vom Meer getragen und an den Strand gespült zu werden. Ich mache alberne Victory-Zeichen, um mir und den anderen zu zeigen, wie glücklich ich in diesem Moment bin. Vermutlich werde ich niemals surfen können. Mir genügt der Versuch. Immer und immer wieder.

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Wie man einen Tag rettet