Inhale. Exhale. Repeat.

Der Anruf trifft mich völlig unvorbereitet. Gerade war ich noch mitten im Flow, komplett ins Schreiben vertieft. Jetzt prasseln die Informationen auf mich ein. Ich erfahre sehr viel mehr als ich wissen will, sehr viel mehr als mir guttut. Als es mir die Sprache verschlägt, fragt er kurz: „Ist bei Ihnen alles ok?“ Nein, ist es nicht, aber das kann er nicht sehen.

Stattdessen ist der Anästhesist ganz zufrieden mit sich und der Welt, weil er diesen Anruf so früh abhaken kann: eine ganze Woche vor dem geplanten Eingriff. Er nennt Namen von Medikamenten, die ich bisher nur aus Berichten über die Drogenkrise in den USA kannte. Vor allem aber höre ich zum ersten Mal, dass ich in der Narkose beatmet werde. Und dass das nicht etwa bedeutet, ein wenig beim Atmen unterstützt zu werden. Sondern: dass ich nicht mehr in der Lage sein werde, selbst zu atmen, weshalb man mir einen Schlauch in den Rachen schieben und mich an eine Maschine anschließen wird.

Wie sehr mich das schockiert, merke ich erst später. Ist nicht der eigene Atem das Einzige, das einen immer begleitet? Auf das man sich immer verlassen kann? Beim Yoga trägt er mich von einer Asana in die nächste. Bis in die Schlussentspannung – Shavasana, die Totenstellung. Nichts ist dort zu hören, außer die einströmende und ausströmende Luft. „Beobachte, wie sich deine Bauchdecke bei jeder Einatmung hebt und bei jeder Ausatmung wieder senkt.“

Ich gebe mir alle Mühe, das Thema zu verdrängen, aber es begegnet mir in diesen Tagen überall. Ausgerechnet jetzt sagt meine Querflötenlehrerin: „Der Grund, warum du bei unserem Duett nicht hinterherkommst, ist deine falsche Atmung.“ Ich solle bei jeder Gelegenheit ein bisschen Luft schnappen. Immer wieder ein kleiner „Sip“, dann reiche der Vorrat für die lange, schnelle Passage. Ich ahne, dass man daraus etwas für das Leben lernen kann, aber ich habe keine Lust, länger darüber nachzudenken. Nur eines weiß ich ganz sicher: Jede Faser meines Körpers wehrt sich dagegen, meine Atmung in fremde Hände zu geben.

Tatsächlich bekomme ich einen so schlimmen Husten, dass ich den Termin absagen muss, oder besser: kann. Kurz bin ich erleichtert, doch dann verstehe ich, dass ich nun einfach noch mehr Zeit habe, mir Sorgen zu machen. Also bringe ich sie zu jemanden, bei dem sie gut aufgehoben sind: zu meiner Hausärztin. „Wir beide  werden jetzt gemeinsam tief durchatmen!“, sagt sie, was mich erst einmal irritiert. Im weiteren Verlauf des Gesprächs sind ihre Worte treffsicherer. Sie erzählt mir von ihrer eigenen Angst vor Operationen und wie sie diese mit der Zeit überwunden hat. Wiederholt mantraartig: „Sie sind nirgendwo so sicher wie bei einer geplanten OP.“ Gratuliert mir zur Wahl meines Eingriffs. Lässt mich wissen: „Sie sind heute meine Herzens-Patientin.“ Ich glaube es ihr.

Meine Angst bleibt – aber sie ist jetzt so weit geschrumpft, dass ich sie überwinden kann. „Wovon möchten Sie träumen?“, fragt mich der Anästhesist, ein Litauer mit derbem Humor. „Mauritius“, sage ich, aber er erwidert: „Es tut mir leid: Das zahlt die gesetzliche Krankenkasse nicht.“ Ich träume also von meinem hundsgewöhnlichen Alltag. Davon, wie ich organisiere, mache und tue. Ich arbeite in diesen 15 Minuten meinen kompletten Mental Load ab. Und habe danach das Gefühl, alles bestens im Griff zu haben.

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Gioia di vivere